Dies und Das DIY Handarbeit Malen

Platz für Kreativität: Die zwei Leben der Fräulein W.

Ich wünschte mir, ich hätte mehr Zeit für Kreativität. Fürs Nähen, Malen, Sticken, Häkeln, Musizieren, Basteln. Jede Minute, die ich mir für kreative Projekte abzweige, ist hart erkämpft. Ich bin zugleich Angestellte und freiberufliche Autorin und Übersetzerin, das hält auf Trab. (Das Schreiben packe ich bewusst nicht unter „kreative Erholung“ – auch wenn ich in meiner schriftstellerischen Laufbahn noch ziemlich am Anfang stehe, sehe ich das Schreiben von Romanen doch als meinen Job an.)

Ich brauche kreative Freiräume zum Auftanken. Mich völlig in einem Bild, einem Nähprojekt oder Musikstück zu verlieren, ist für mich wie Urlaub. Vor allem, weil ich in meinem Arbeitsleben so viel Zeit vor dem PC verbringe und viel von meinem „Output“ im digitalen Nirvana verschwindet. Vielleicht mag ich gerade Handarbeiten deshalb so: Weil ich was mit meinen Händen machen, etwas Greifbares, weil am Ende etwas Haptisches dabei rumkommt.

Das Problem ist nur, es ist schwierig, Kreativität zu Regenerationszwecken in den Alltag zu packen. Meistens ist doch irgendetwas anderes wichtiger, oder man ist zu kaputt, oder der halbe Tag ist schon rum, und jetzt noch anfangen, den Stoff für das Kleid zuzuschneiden? Nee. Stattdessen hüpft man auf die Couch, oder vegetiert vor dem PC (the irony!) vor sich hin. Und dann fühlt man sich schlecht.

Häkeln Wolle Crochet

Mal im Ernst, ich krieg die Krise, wenn ich sehe, wieviel manche Leute auf ihren DIY-Blogs so pro Woche fertig gestellt kriegen. Ich hingegen sitze seit Februar an meinem Stickmotiv. Weil ich abends so oft kaputt bin, und das so flimsig ist, und ich ja auch noch die Kästchen abzählen muss. Dann wiederum fühle ich mich schuldig, weil ich etwas, das mir eigentlich wahnsinnig wichtig ist, so wenig Platz eingeräumt habe. Ihr kennt das vielleicht.

Ich will ja Raum für Kreatives in meinem Leben. Ich würde mich gerne einfach mal eine gesamte Woche von morgens bis abends in einem historischen Nähprojekt vergraben, und nur zum Atmen an die Oberfläche kommen. Aber ist das praktikabel? Durchführbar, wenn man in einem Job angestellt ist und sich die Urlaubstage einteilen muss? Wohl eher nicht.

Wenn dann ein Tag vergeht, an dem ich kreativ rein gar nichts geleistet habe, plagen mich Gewissenbisse. Dabei stecke ich mir schon so kleine Ziele: Eine Skizze pro Tag. Ein gehäkeltes Viereck für den Kissenbezug. Ein Buchstabe gestickt. Irgendeins davon. All die anderen Leute im Internet können das doch auch! Warum kann ich das nicht? Und dann denke ich: Warum fühle ich mich schuldig wegen etwas, das mir eigentlich beim Abschalten helfen soll?

Man muss der Kreativität Platz schaffen in seinem Leben, und zwar aktiv. Das ist nämlich immer das erste, was wegfällt, wenn man im Stress ist. Freiräume bringen schließlich kein Essen auf den Tisch, bezahlen die Miete nicht und sind ja sowieso totaler Luxus. (Oder wie eine Bekannte mal vor ein paar Jahren abschätzig zu mir meinte: „Hast du zu viel Zeit, oder was?“)

Sticken Cinderella

Auf der einen Seite muss man also daran arbeiten, kreativ zu bleiben, sich auch mal abends aufraffen – wenn man einmal angefangen hat, geht es nämlich meist erstaunlich gut – und auf der anderen Seite darf man sich keinen Druck machen, wenn es mal gar nicht geht. Wenn die Nähmaschine schon wieder wochenlang nicht gelaufen ist, weil Zeit und Muße fehlen, und man droht, in ungenutzten Bastelvorräten zu ertrinken.

In mir wohnt eine kleine Künstlerin, die gerne den ganzen Tag irgendwas Tolles fabrizieren möchte. Doch die  Künstlerin muss ja irgendwie finanziert werden (und ich glaube, irgendwann würde das doch auch langweilig werden). Das zu vereinen – gar nicht so einfach. Mitunter fühlt es sich, als müsse man zwei Leben miteinander vereinen. Ein kleiner Drahtseilakt.

Übrigens motivieren meine Freundin und ich uns mittlerweile gegenseitig, in dem wir uns abends immer per WhatsApp Fotos von unserer Kreation des Tages schicken. Und wenn es nur eine kleine hilflose Skizze ist. Völlig egal. Hauptsache. Und es klappt nicht immer, aber immer öfter.

Kennt ihr diese Probleme? Wie integriert ihr das in euren Alltag? Sacht ma, ey!

 

6 Kommentare

  1. Sandra

    18. Mai 2017 at 10:21

    Hey Romy – bei mir gibt es Phasen, da mache ich nichts Kreatives. Null, nada, niente. Zumindest sieht das nach außen hin so aus. Aber innerlich arbeitet die Kreativität ja pausenlos weiter. Ich mache mir daher oft keine Gedanken mehr, wenn mal eine Pause eintritt, in der eben keine neuen Werke (Bücher, Bilder, was auch immer) entstehen. Dafür sprudelt dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder jede Menge hervor.

    Ich glaube, man muss irgendwie lernen, da entspannt zu bleiben. Und sich nicht noch zusätzlich selbst Druck machen. (Einfacher gesagt als getan …)

    Kreatives zum Abschalten zu nutzen, fällt mir schwer. Für mich sind das ja alles berufliche Tätigkeiten, daher muss ich mit anderen Dingen abschalten – Sport etc. Das funktioniert dann aber sehr gut.

    1. Romy

      16. Juni 2017 at 12:05

      Hi Sandra,

      puh, Kreativität ausschleißlich für berufliche Tätigkeiten zu nutzen, stelle ich mir sehr anstrengend vor. Von daher, Respekt dafür! Und du hast ja recht – das Gehirn arbeitet sowieso immer weiter, dagegen kann man nichts machen 🙂

  2. Daniela

    13. Juni 2017 at 16:43

    Hallo Romy!

    Als ich deinen Beitrag gelesen habe, musste ich schmunzeln. „Mal im Ernst, ich krieg die Krise, wenn ich sehe, wieviel manche Leute auf ihren DIY-Blogs so pro Woche fertig gestellt kriegen.“ Alles hat zwei Seiten und eine davon sieht man als Außenstehende meistens nicht. Ich arbeite nur Teilzeit, hab dadurch nicht so viel Geld wie ich gerne zum Ausgeben hätte, wurstel mich aber so durch, bin sparsam, genügsam und DIY ist für mich kein Trend, sondern ein fixer Bestandteil meines Lebensstils, um an neue Sachen wie Kleidung, Deko oder ähnliches zu kommen. Denn in vielen Fällen (vor allem, wenn man es so macht wie die Hausfrauen früher) ist Selbermachen sehr, sehr günstig und kein teures Hobby.

    Aber mach dir auf jeden Fall kein schlechtes Gewissen, wenn du mal unter deiner gesteckten Output-Grenze bist. Das soll als Erholung dienen, also beleg es nicht mit irgendeinem Zwang, denn sonst wird es wieder zum Job und dadurch hast du dann auch nichts gewonnen für deine Seele. Was geht geht…

    Liebe Grüße, Daniela

    1. Romy

      16. Juni 2017 at 12:12

      Hallo Daniela,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Klar, man sieht immer nur die eine Seite, so als Außenstehende, da hast du natürlich recht. Ich arbeite zwar auch „nur“ in Teilzeit, aber ich verbringe den Rest der Woche oft mit freiberuflichen Tätigkeiten wie Schreiben oder Übersetzen. Das fühlt sich dann meistens nicht nach Arbeit an, ist es aber natürlich trotzdem – und vielleicht entsteht darum bei mir ein verzerrtes Bild. Ich denk dann imer „Du hast doch so viel Zeit! Du müsstest mehr schaffen!“ – aber so viel Zeit ist das dann am Ende gar nicht 🙂

      1. Daniela

        16. Juni 2017 at 21:21

        Hallo Romy,
        naja, freiberuflich ist ja auch Arbeit 😉 Für mich ist Arbeit immer dann Arbeit, wenn ich mir nicht spontan aussuchen kann, ob ich das jetzt fertig machen möchte oder nicht (weil ich vielleicht einen Abgabetermin im Nacken habe). Ich betreibe mit meinem Blog ebenfalls ein Gewerbe, weil also, dass nur weil ich keinen direkten Chef hab, auch nicht immer alles eitel Sonnenschein ist. An Tagen, an denen ich nur für einen Kunden „geschuftet“ hab, komm die Zeit für mich oder meinen Freund zu kurz, da geb ich dir vollkommen recht.

        Liebe Grüße, Daniela

        1. Romy

          17. Juni 2017 at 11:23

          Ich glaube, das fasst es sehr gut zusammen – ich kann mir an meinen „freien“ Tagen auch oft nicht aussuchen, was ich mache, weil eine Deadline bedrohlich näherrückt, und das ist dann Arbeit – und abends bin ich danach geistig oft zu kaputt, um noch was Schönes zu machen. Gut zu wissen, dass ich damit nicht alleine dastehe 🙂

          LG, Romy

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